Abgründe und Lichtblicke der Jenaer Clubszene – Ein Statement zur aktuellen Debatte

Ein Offener Brief von 7 Schülerinnen aus Jena war erschreckend und gleichzeitig doch allzu bekannt und real. Sie kritisieren, dass sie sich in Clubs, selbst alternativen, nicht mehr wohl fühlen und weniger feiern gehen, da sie regelmäßig Grenzüberschreitungen und sexualisierte Belästigung erleben. Wir bedanken uns bei den Autorinnen für ihren Mut und ihre Courage, das öffentlich anzuprangern, woran Abend für Abend Mädchen und Frauen* in Clubs verzweifeln. Wir möchten ihnen unsere Solidarität aussprechen und uns als Unterstützer*innen anbieten, sollte dies gewünscht sein. Die Reaktionen, ob nun von Veranstalter*innen, Clubbetreiber*innen oder einer interessierten Öffentlichkeit sind zum Teil furchtbar frauenverachtend, zum Teil verharmlosend, zum Teil vereinfacht, aber in manchen Fällen glücklicherweise auch aufgeklärt und solidarisch.
Zumindest im öffentlichen Bereich kam die perfideste Reaktion von Christian Wolf, Veranstalter der „Rund um 30″-Partys im Volksbad und Verantwortlicher der Aprés-Ski-Bar. Dieser mahnt, dass Frauen* sich über angeblich ausgesendete Signale bewusst werden sollten und natürlich eine Frustration des männlichen Geschlechts einsetzt, wenn die Frau* sich selbst nach dem dritten spendierten Cocktail nicht gleich alle Kleider vom Leib reißt. Dies ist also der aktuelle Börsenwert der Würde einer Frau* – drei Cocktails. Glückwunsch, du geliebte aufgeklärte Zivilisation. Allerdings wählten selbst die Autorinnen des Offenen Briefes eher alternative Clubs als Adressaten und somit wollen wir uns an dieser Stelle auch nicht lange an Lokalitäten aufhalten, die diesen Standard so und so nicht erfüllen.
Die schnellste und wohl auch im Vergleich angemessenste Reaktion (laut Aussage einer der Autorinnen) kam vom Kassablanca. Nach Erhalt des Briefes und schon vor einer größeren öffentlichen Debatte hatten diese sich mit den sieben jungen Frauen* zusammen gesetzt, um über das Problem in ein Gespräch zu kommen und mögliche Verbesserungsvorschläge besprochen. Dies sehen wir nach solch einem Brief auch als einzig richtige Reaktion an und wünschen allen Beteiligten einen konstruktiven Prozess. Aktuelle Vorhaben, wie das Aushängen entsprechender Plakate mit Dingen, die einfach nicht OK sind und damit eine eindeutige Positionierung des Clubs und eine thematische Schulung des Personals halten wir für einen guten Schritt in die richtige Richtung. Leider müssen wir uns aber auch die Frage stellen, warum das, was Frauen* tagtäglich erleben müssen erst eine öffentliche Debatte und Druck benötigt, um als Problem wahrgenommen zu werden. Alle Schilderungen des Offenen Briefes hat vermutlich jede Frau* schon einmal erlebt, es sind keine Geheimnisse. Warum haben gerade alternative Clubs nicht die intrinsische Motivation eine klare Haltung gegen Sexismus auch nach außen zu tragen und in den Clubs klar kenntlich zu machen?
Ebenfalls erschien in der Presse ein kurzes Statement des Jenaer Frauenzentrums Towanda: „Würde es eine wirkliche Gleichstellung von Frau und Mann geben, dann dürfte so etwas gar kein Thema mehr sein. Es gibt einfach ein Gefälle. Nur weil Frauen sich drei Getränke ausgeben lassen, gehen sie damit ja noch lange keine Verpflichtungen gegenüber dem Mann ein. Männer müssen viel weniger darüber nachdenken, wie ein protziges oder machohaftes Gehabe nach außen wirkt und welche Signale es aussendet. Frauen dagegen würden häufig aufgefordert, darüber nachzudenken, wie ihre Kleidung oder ihr Verhalten auf andere wirkt. Es geht dabei nicht um ein Problem der Clubs. Es ist ein gesellschaftliches Problem. Dennoch können die Clubs etwas tun: Es muss Mitarbeiter geben, die man als Frau problemlos ansprechen kann. Die Botschaft, dass sich ein Club klar gegen Sexismus positioniert, muss klar vermittelt werden“
Dieser Aussage unserer Bündnispartnerin können wir uns letztlich nur anschließen und bei dieser Gelegenheit nicht versäumen unseren Dank den Menschen auszusprechen, die Tag für Tag, ob ehrenamtlich oder hauptamtlich, ob institutionell oder im privaten Umfeld gegen Sexismus und Diskriminierung handeln.
Frauen* = Der Begriff »Frauen« ist mit Sternchen* markiert. Damit werden Trans*-Frauen und Inter*-Menschen von uns explizit eingeschlossen.

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Das Beispiel dieser Clubberin zeigt, wie auch du die Clubs deiner Stadt sicherer machen kannst


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